Einsam trotz Paarbeziehung

Auch wenn man über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügt und sich als liebenswert erlebt, kann es in einer Partnerschaft zu Entfremdung und Einsamkeit kommen. Ein häufiger Grund dafür sind wiederholt erlebte Enttäuschungen und Verletzungen im Verlauf der Beziehung – insbesondere dann, wenn diese aufgrund ungünstiger Kommunikation nicht oder nicht rechtzeitig mit dem Partner oder der Partnerin geteilt werden.

Ein Beispiel dafür zeigt sich in der Anmeldung eines jungen Ehepaares zur Beratung. Im ersten Termin schildern beide den Wunsch, ihre Beziehung retten zu wollen, und betrachten die Beratung als ihre letzte Chance. Sie sind Mitte dreißig, seit sieben Jahren ein Paar, seit vier Jahren verheiratet und Eltern eines dreijährigen Sohnes.

Die kinderlose Zeit vor der Geburt ihres Sohnes beschreiben die Eheleute K als unkompliziert. Zwar kam es hin und wieder zu Auseinandersetzungen – bedingt durch unterschiedliche Erwartungen und Vorlieben – doch diese konnten in der Regel ohne größere Schwierigkeiten bewältigt werden. Gemeinsame wie auch individuelle Aktivitäten wurden als bereichernd erlebt, und alle Herausforderungen erschienen „halb so schlimm“.

Mit der Geburt des Kindes verändert sich die Beziehung grundlegend. Die doppelte Belastung durch Beruf und Familie sowie der permanente Schlafmangel hinterlassen Spuren – trotz des anfänglichen Elternglücks. Der Umgangston zwischen beiden wird gereizter, Gespräche werden kürzer, körperliche Nähe seltener. Aus Erschöpfung zieht sich Herr K auf das Sofa zurück – mit der Begründung, er müsse für die Arbeit leistungsfähig bleiben. Frau K fühlt sich dadurch verletzt. Sie wünscht sich, dass sie sich nachts beim Aufstehen abwechseln, da auch sie den folgenden Tag sonst kaum bewältigen kann.

Mit dem zunehmenden Gefühl des Unverstanden-Seins wächst auf beiden Seiten der Eindruck, mit ihren Sorgen und Ängsten allein gelassen zu sein. Das Wort „Entfremdung“ beschreibt hier deutlich die Diskrepanz zwischen dem, was zu Beginn der Beziehung empfunden und erwartet wurde, und dem, was in der aktuellen Beziehungsbilanz als enttäuschend erlebt wird. Das Empfinden, gerade in den wichtigsten Lebensbereichen allein zu sein, der verlorene Zugang zum Gegenüber und die damit verbundenen Enttäuschungen bilden den Nährboden für Einsamkeit innerhalb der Partnerschaft.

Das Ehepaar schafft es nicht aus eigener Kraft, rechtzeitig miteinander ins Gespräch zu kommen, um über die eigenen Nöte, Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen. Würde dieser Austausch stattfinden, könnte Frau K erfahren, dass ihr Mann sich nach den unbeschwerten Zeiten mit ihr sehnt – nach gemeinsamen Aktivitäten und dem Gefühl der Leichtigkeit. Herr K wiederum würde hören, wie sehr seine Frau auf Entlastung und Unterstützung angewiesen ist und sich dringend mehr Zeit für sich selbst wünscht.

Stattdessen verstrickt sich das Paar zunehmend in gegenseitige Vorwürfe und Unterstellungen. Frau K wirft ihrem Ehemann Rücksichtslosigkeit und Egoismus vor, wenn er Überstunden macht oder sich mit Freunden trifft. Herr K fragt sich, wo die Leichtigkeit seiner Frau aus der Anfangszeit geblieben ist und warum sie heute alles so negativ sieht. Er vermisst die Intimität mit ihr und hat das Gefühl, sie an den gemeinsamen Sohn verloren zu haben – oder nur noch als „Geldverdiener“ wahrgenommen zu werden.

Alle Versuche, miteinander ins Gespräch zu kommen, scheitern daran, dass für beide die eigene Not im Vordergrund steht. Gegenseitiges Verständnis bleibt aus – ebenso wie gemeinsame Lösungen.

In den Beratungssitzungen lernt das Ehepaar K eine neue Gesprächskultur kennen. Zunächst geht es darum, anzuerkennen, dass der verbitterte Kampf um die Durchsetzung eigener Interessen in eine Sackgasse führt. Mit Hilfe einiger grundlegender Gesprächsregeln lernt das Paar, wieder in einen konstruktiven Dialog zu treten. Dazu gehört, einander ausreden zu lassen, wirklich zuzuhören und die eigenen Beweggründe zu erklären – ohne sofort zu bewerten. Unterschiedliche Sichtweisen dürfen zunächst nebeneinander stehen bleiben. Erst nach einem sorgfältigen Abwägen von „Pro“ und „Contra“ können tragfähige gemeinsame Entscheidungen getroffen werden.

Das „Hören und Sehen“ des anderen eröffnet neue Wege zu echtem Kontakt. Wo Kontakt und Begegnung möglich sind, hat Einsamkeit keinen Platz – auch wenn nicht jedes Problem dadurch sofort gelöst wird.

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